Ein Generaldirektoren Erzählsalon

Salons

Erzählsalon vom 04.04.2013 mit Dr. Lothar Poppe
Generaldirektor des VEB Gießerei und Gusserzeugnisse (GISAG)

Anmoderation von Ralf Döscher, freier Journalist und Autobiografiker bei Rohnstock Biografien:

Ich freue mich sehr, dass wir heute Dr. Lothar Poppe in unserem GD-Salon zu Gast haben. Als stellvertretender Generaldirektor der VVB Gießereien Leipzig wurde er 1969 nach der Kombinatsbildung zum Kombinatsdirektor des Volkseigenen Kombinates VEB GISAG berufen und führte das Kombinat bis 1978.
In der Funktion des Betriebsleiters rettet er nicht nur den insolventen Stammbetrieb der GISAG – es ist die einzige Insolvenz, die in der DDR bekannt ist –, sondern führte mit seiner ausgezeichneten Führungscrew Management-Methoden ein, die es damals noch gar nicht gab: die Grundfondwirtschaft.
Mit dem sozialistischen Wettbewerb, der Neuererbewegung und einem ausgefeilten Prämiensystem gelingt es ihm nicht nur die Werktätigen einzubeziehen und das Kombinat aus den roten Zahlen zu bringen, sondern auch ansehnliche Gewinne zu erwirtschaften.
Wie er das geschafft hat, wird er uns gleich erzählen.

Lothar Poppe wird im nächsten Jahr – wie Herr Dr. Sonntag – 90 Jahre alt.
Damit gehört er noch zu einer Generation, die von der Ulbricht-Zeit geprägt ist. Und er sagt: Die Ulbricht-Wirtschaftspolitik mit dem Neuen Ökonomischen System war gut, alles was danach kam, war „Mist“. Das wollte ich so nicht stehen lassen – darüber haben wir uns gestritten...
Nicht nur, dass Poppe den einzigen zur Insolvenz erklärten Betrieb sanierte – nein, es ist noch etwas außergewöhnlich an diesem Mann – er wird als Sohn eines Gießereibesitzers in Leipzig geboren. Von 1938 bis 1941 absolvierte er eine Lehre als Former, ging parallel in die kaufmännische Schule, anschließend schickte ihn der Vater auf die Ingenieurschule. Sein Vater sagte zu ihm: „Du musst lernen.“ Das hat er sein Leben lang sehr ernst genommen – bis heute verfolgt er alle Veröffentlichung zur DDR-Wirtschaft und bildet sich ständig weiter.
Wie alle jungen Männer seiner Generation musste er in den Krieg ziehen. 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft nach Charkow, nahm drei Monate lang teil an einer ANTIFA-Schulung und arbeitete dort von Juli bis Oktober 1948 als Lehrer. Das war die Schule seines Lebens.
1949 kehrte er zurück und trat 1951 in die SED ein.
Von 1953 bis 1954 war er stellvertretender Betriebsleiter der einzigen Tempergießerei im Stahl- und Walzwerk Gröditz, wo auch sein Vater gelernt hatte, 1955-59 Haupttechnologe, Technischer Leiter und schließlich Werkleiter im VEB Gießerei und Maschinenbau Schmiedeberg.
1959 wurde er nach Berlin zur Staatlichen Plankommission berufen und arbeitete im Volkswirtschaftsrat der DDR.
Von 1963 bis 1966 ging Lothar Poppe nach Moskau und absolvierte an der Parteihochschule ein Studium der Gesellschaftswissenschaften. Es war die Zeit von Chruschtschow – eine Zeit der Öffnung; es wurde um eine neue Wirtschaftspolitik gestritten, das Neue Ökonomische System mit dem sowjetischen Wirtschaftssystem verglichen. Anschließend wurde in Rahnsdorf das Institut für sozialistische Wirtschaftsführung gegründet, in dem er später oft zu Gast war und seine Management-Methoden vorstellte.
Als er zurückkam, wurde er 1966 in der VVB Gießereien Leipzig als Direktor für Produktion und Kooperation eingesetzt und zum 1. Stellvertreter des Generaldirektors berufen.
Hier bereitete er die Bildung der Gießerei-Kombinate mit vor. 1969 erfolgte seine Berufung zum Kombinatsdirektor des VEB GISAG, Kombinat für Gießereiausrüstungen und Gusserzeugnisse.
Lothar Poppe wird uns gleich erzählen, wie er ein Kombinat mit 9000 Mitarbeitern auf einen ordentlichen Gewinnkurs brachte.
Doch ich will noch schnell sein Berufsleben abschließen: 1979 wird er abberufen und zum stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Leipzig und Vorsitzenden der Bezirksplankommission ernannt. 1989 geht er planmäßig – das Glück in diesem Fall der frühen Geburt – in Rente. Doch damit er keine Strafrente bekommt, muss er noch einmal kämpfen und berät später auch andere Weggefährten in der Rentenfrage.
Heute ist die GISAG geschlossen. Die Treuhand hat ihre Arbeit gründlich gemacht. Die Grundstücke sind aufgeteilt an verschiedene Immobilienverwaltungs- und Entwicklungsfirmen. Eine Vertreterin dieser Firmen haben wir heute zu Besuch: Ich begrüße ganz herzlich Frau Sprenger. Sie hatte den Artikel über das GD-Projekt gelesen und uns geschrieben, dass sie sich für die Geschichte der GISAG und der dazugehörigen Immobilien interessiert.

Lieber Lothar, nun aber will ich Dir das Wort übergeben:
Als Folge des von Ulbricht eingeführten Neuen Ökonomischen Systems habt ihr in der VVB Gießereien in nur sechs Monaten die Bildung von vier Gießerei-Kombinaten vorbereitet.
Dabei war der Betrieb, der zum Stammbetrieb der GISAG erkoren wurde, pleite. Was war geschehen?
Und wie hast Du mit Deiner Mannschaft den Betrieb aus der Misere gezogen?
Das wirst Du uns im ersten Teil – in etwa dreißig Minuten – erzählen frei nach dem Motto: „Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage ist eine Waise“.

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Ralf Döscher eröffnet den Salon mit der Vorstellung des GDs Dr. Lothar Poppe

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