Ein Generaldirektoren Erzählsalon

Salons

Erzählsalon vom 12.09.2013 mit Gerhard Rainer Jüngel
Generaldirektor des VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt

Anmoderation von Katrin Rohnstock:

Heute wollen wir uns dem spannenden Thema der Mikroelektronik zuwenden und ich freue mich sehr, dass sich Gerhard Rainer Jüngel bereit erklärt hat, uns aus diesem für die DDR-Industrie so bedeutenden Zweig zu berichten. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.

Gerhard Rainer Jüngel wurde am 18.03.2013 80 Jahre alt – man mag es nicht glauben. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Sein Vater war in Magdeburg selbstständiger Elektromeister. Er wuchs in einem atheistischen Elternhaus als Ältester von vier Kindern auf. Sein um ein Jahr jüngerer Bruder Eberhard Jüngel krittelt am Staate, wird vom Abitur suspendiert, studiert am katechetischen Oberseminar in Naumburg und am Sprachenkonvikt in Berlin, absolviert ein Studienjahr in Zürich, kommt zurück in die DDR, wird zum Pfarrer ordiniert, habilitiert sich, bekommt am Sprachenkonvikt eine Berufung und wird 1966 nach Tübingen berufen. Eberhard Jüngel wird schließlich zu einem bedeutenden evangelischen Theologen unserer Zeit.

Unser heutiger Gast Rainer Jüngel absolviert im elterlichen Betrieb eine Lehre, wird Elektriker und anschließend Elektromeister. Einer der Gesellen im Betrieb des Vaters war ein Verfolgter des Nazisregimes. „So lernte ich (1947/48) neben der „Elektrizität“ auch Karl Marx verstehen. Ich wollte in einen volkseigenen Betrieb“, so Rainer Jüngel später.

Er geht 1953 zum VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht Magdeburg als Kranelektriker, wird zur Fachschule für Elektromaschinenbau nach Velten-Hohenschöpping delegiert und schließt das Studium als Ingenieur für Elekromaschinenbau ab. Mit höherer Qualifikation wechselt er zum Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) und wird Stellvertretender Leiter der Elektrowerkstätten des Betriebes.

Am 01.09.1959 nimmt er, wie viele andere GDs auch, ein Fernstudium der Ökonomie an der Technischen Universität Dresden auf, das er wegen wechselnder Arbeitsstellen jedoch immer wieder unterbrechen muss. Er schließt es tapfer, 24 Jahre später, nämlich 1983, als Diplom-Ingenieur-Ökonom ab.

Doch zurück zu seiner beruflichen Laufbahn: Am 01.09.1960 wechselt er zum VEB Halbleiterwerk Frankfurt/Oder in die Invest-Aufbauleitung. In Frankfurt wurde der erste Betrieb aufgebaut, der auf Grundlage der Halbleitertechnologie ausschließlich elektronische Bauelemente herstellte (Transistoren).

Als ein Transport mit den ersten technologischen Spezialausrüstungen auf dem Betriebsgelände verunglückt, kündigt sich der in der Regierung für die Halbleitertechnik verantwortliche Dr. Hubertus Bernicke für den nächsten Tag an. Er trifft unangemeldet spät am Abend vorher ein und trifft nur noch Rainer Jüngel an – den bis in die Nacht hinein arbeitenden Fernstudenten. Hubertus Bernicke ist begeistert von dem fleißigen jungen Mann. So wird das Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik seine nächste Arbeitsstelle und sein neuer Vorgesetzter ist Dr. Hubertus Bernicke.

Im Ministerium arbeitet er von 1961 bis zum 31.12.1977 zuerst als Mitarbeiter in dem für den Aufbau der Halbleiterindustrie zuständigen Sektor. Dann wird er Sektorenleiter und ist verantwortlich für Bauelemente und Vakuumtechnik. Danach wird er Abteilungsleiter für Bauelemente und Datenverarbeitung.

Zeitweise ist Rainer Jüngel zuständig für den Aufbau eines Rechenzentrums im Ministerium (R 300) und für die Erarbeitung notwendiger Software. Er wird ausgezeichnet für die Entwicklung rechnergestützter Modelle – zur durchgängigen Planung und Leitung vom Ministerium bis in die Betriebe unter Nutzung der Datenfernübertragung per Richtfunk. Im Ministerium ist er verantwortlich für die Kombinate und Betriebe der VVB Bauelemente und Vakuumtechnik. Ich will sie namentlich in Erinnerung rufen:
• VEB Kombinat Halbleiterwerk Frankfurt/Oder (Halbleiterbauelemente, Silizium, Trägerstreifen)
• VEB Kombinat Funkwerk Erfurt (Empfängerröhren, Röntgenröhren, Trägerstreifen, Messtechnik)
• VEB Kombinat Elektronische Bauelemente Teltow und Kombinat VEB NARVA (Lichtquellen)
• VEB Werk für Fernsehelektronik Berlin (Optoelektronik, Senderöhren, Fernsehbildrören)
• VEB Zentrum Mikroelektronik Dresden (früher Institut für Mikroelektronik Dresden)
• VVB Datenverarbeitung und Büromaschinen mit dem
• VEB Kombinat Robotron (Datenverarbeitungsanlagen, zentraler Leiterplatten Bestückung Riesa)
• VEB Forschungszentrum des Kombinates Robotron
• VEB Kombinat Zentronik (Periphere Geräte der Datenverarbeitung, Schreibmaschinen, Buchungsmaschinen)
• VEB Keramische Werke Hermsdorf (Elektronische Bauelemente auf Keramik und in Dünnfilmtechnologie – Keramik und Isolatoren für die Starkstromtechnik)

Rainer Jüngel gehört auch zum kleinen Team im Sektor Halbleitertechnik des Volkswirtschaftsrates, welcher, wie er sagt, „außergewöhnlich praxisbezogen und sehr viel vor Ort arbeitete.“ Auf Vorschlag der Glasindustrie wird er in die Lösung komplizierter Probleme bei der Produktionsvorbereitung neuer Lichtquellen – im neu gegründeten Werk zur Herstellung von Leuchtstofflampen (Brand-Erbisdorf) – einbezogen. Aufgrund dieser Erfahrungen und seiner Problemlösungskompetenz wird ihm immer wieder die Lösung heikler Probleme innerhalb und außerhalb seines Verantwortungsbereiches übertragen.

Am 01.01.1978 wird er ins Kombinat Mikroelektronik abberufen, um als Direktor die Plandurchführung auf Vordermann zu bringen. Das Kombinat Mikroelektronik ist verantwortlich für die Deckung des volkswirtschaftlichen Bedarfes an aktiven elektronischen Bauelementen.

Am 01. 01. 1986 wird er zum ersten Stellvertreter des Generaldirektors berufen. Von November 1989 bis zum 30.06.1990 ist er Generaldirektor des VEB Kombinat Mikroelektronik. Am 28.06.1990 wird das Kombinat Mikroelektronik in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt und die Firma PTC-electronic AG mit 17 unterstellten GmbHs gegründet. Im Dezember 1990 konstituiert sich der 20-köpfige Aufsichtsrat der AG. Dr. Detlev Rohwedder gewinnt Professor Gert Lorenz, vormals Vorstand bei Philips in Eindhoven, zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates. Rainer Jüngel wird am 01.07.1990 zum Sprecher des Vorstandes der PTC-electronic AG berufen und von der Treuhand bestätigt. Am 14.08.1992 beschließt die Treuhandanstalt die Abwicklung der PTC-electronic AG und ihre Liquidation. Rainer Jüngel wird vom Liquidator Dr. Wilhelm Schaaf (Franfurt/Main) zu seinem Beauftragten ernannt – bis die Liquidation 2004 abgeschlossen ist.

zurück

Gerhard Rainer Jüngel im GD-Salon rechts neben seinem Stellvertreter Werner Prischmann und Katrin Rohnstock

Gerhard Rainer Jüngel im GD-Salon rechts neben seinem Stellvertreter Werner Prischmann und Katrin Rohnstock

Prof. Dr. Roesler kommentiert das Gesagte

Prof. Dr. Roesler kommentiert das Gesagte