Eisenhüttenstadt – Blick auf das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO)

Kombinatsdirektoren

Karl Nendel

 Karl Nendel

(Jahrgang 1933)
Staatssekretär im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik
1967–1985 Stellvertretender Minister Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik
1985–1989 Regierungsbeauftragter für Mikroelektronik

Karl Nendel war über zwanzig Jahre lang Staatssekretär im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik, zuletzt arbeitete er als Regierungsbeauftragter für die Mikroelektronik und war kurz vor dem Ende der DDR an allen wichtigen Entscheidungen zur Entwicklung der zur Schlüsseltechnologie erhobenen Branche beteiligt. 1933 geboren, wuchs er als Sohn eines Schlossers auf, der ein überzeugter Nationalsozialist war. Allerdings verhinderte er, dass sein Sohn kurz vor Kriegsende im Volkssturm verheizt wurde. Als Elektriker-Lehrling erlebt Karl Nendel die öffentliche Entnazifizierung seines Vaters mit. 1948 wurde er Mitglied der FDJ. Zwischen 1952 und 1955 studierte er an der Bergingenieurschule Zwickau, die er als Elektroingenieur abschloss. In dieser Zeit trat er in die SED ein. 1958 entstanden anstelle der Ministerien in der DDR die Staatliche Plankommission und Vereinigungen Volkseigener Betriebe. Karl Nendel arbeitet zunächst im Braunkohlekombinat Erich Weinert, später wurde er Bauleiter im VEB Kohleanlagen Leipzig. Mit 28 Jahren wurde er Mitarbeiter in der Abteilung Kohle der Staatlichen Plankommission und war als Chefenergetiker für die Stark- und Schwachstromanalagen im Braunkohlebergbau zuständig. 1964 wurde er Hauptenergetiker der Kohleindustrie. Ab 1965 leitet er die Abteilung Elektronische Industrie im Volkswirtschaftsrat der DDR, der 1961 durch Ausgliederung der Industriehauptabteilung und der Hauptabteilung für Materialversorgung aus der Staatlichen Plankommission entstanden war. Nachdem der Volkswirtschaftsrat 1965 aufgelöst wurde und Industrieministerien entstanden, wurde Nendel 1967 zum stellvertretenden Minister in das neue Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik berufen. Die Elektronik-Industrie der DDR hatte ein gravierendes Problem: Das 1946 im amerikanischen Sektor Berlins erlassene Militärregierungsgesetz Nummer 53 verbot westlichen Unternehmen jeglichen Handel mit Gütern, die im sowjetischen Sektor für kriegswichtige Geräte und Anlagen eingesetzt werden konnten – das war der Beginn eines umfassenden Wirtschaftsembargos, das die entstehenden sozialistischen Staaten von der weltweiten technischen Entwicklung abschnitt. Mit Gründung der CoCom-Behörde 1949 in Paris wurde die amerikanische Militärgesetzgebung und damit die Überwachung des Wirtschaftsembargos institutionalisiert. Die DDR hatte – wie die anderen Staaten des Ostblocks – damit keinerlei Chance mehr, Fertigungslizenzen für die neuen Technologien zu erhalten. Es gab zwei Möglichkeiten, sich aus dieser Zwickmühle zu befreien: Entweder erfanden die ostdeutschen Halbleiterinstitute – deutlich zeitverzögert – das Rad neu oder die junge DDR musste Mittel und Wege finden, das Embargo zu umgehen. Die Führung der DDR entschied sich für den zweiten Weg und baute über ihre spätere Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit ein weltweites Netz auf, über das Unterlagen, Bauteile, Maschinen und ganze Fabriken beschafft wurden. Während Walter Ulbricht ein Verfechter der Hochtechnologie war, setzte sein Nachfolger Erich Honecker auf Wohnungsbau und Konsumgüterproduktion. Zu Beginn der Honecker-Ära war Karl Nendel in seinem Ministerium als Staatssekretär für die Konsumgüterproduktion zuständig. Im Jahre 1977, bei der 6. Tagung des Zentralkomitees der SED, entdeckt die DDR-Regierung die bis dahin vernachlässigte Mikroelektronik neu. Für die Herkulesaufgabe, eine eigene Mikroelektronik-Branche aufzubauen, werden finanzielle Mittel und Forschungsleistung in erheblichem Umfang bereitgestellt. Ein Meilenstein dieser Entwicklung ist 1985 die Einsetzung Karl Nendels als Regierungsbeauftragter für Mikroelektronik. Von da an beeinflusste er die Entscheidungen beim Aufbau einer eigenständigen DDR-Mikroelektronik mit – außer im zivilen auch im militärischen Sektor. Obwohl er an den Schaltstellen sitzt, muss er politische Entscheidungen hinnehmen, die er fachlich ablehnt. So war die Präsentation des 1-Megabit-Chips im Jahre 1989 in seinen Augen vollkommen verfrüht, weil die Technologie für die Serienproduktion noch nicht vorhanden war. 1989, im Jahr der Wende, ist Nendel mit dem Aufbau eines Siliziumwerkes in Dresden betraut, das Großprojekt wird wegen vermuteter Umweltgefahren zum Politikum. Nach dem Ende der DDR wird Nendel aus dem Staatsdienst entlassen und wickelt von da an Betriebe der Mikroelektronik ab, die er mit aufgebaut hat. Wenig später gelingt ihm eine neue Karriere in einem mittelständischen Unternehmen. 1992 leitet die Staatsanwaltschaft der Bundesrepublik gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Verstöße gegen das Embargo ein. Deswegen steht er 1998 in Berlin Moabit vor Gericht, wo er - auf der Grundlage des 1946 erlassenen Militärratsgesetzes - zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird. Bis 2003 war er in dem mittelständischen Unternehmen tätig, kurze Zeit betrieb er eine eigene Firma, seit 2004 ist er Rentner.